Wetzel und Büchner: Gut gemeint, aber nicht gut gemacht

Die folgenden Überlegungen sind eine Kritik an dem Text „Wir sind nicht eure Geldautomaten“ von Wolf Wetzel, und an dem bundesweiten Aufruf der Aktionsgruppe Georg Büchner. Beide Texte sind [hier] verlinkt.

Die Intention von Wolf Wetzel und der AG Georg Büchner ist durchaus symphatisch. Es wird analysiert, wie in den letzten Jahrzehnten in Deutschland die Löhne gesenkt und die Sozialleistungen gekürzt wurden, während gleichzeitig die Profite immer weiter gestiegen seien. Schließlich sei dieses System mit der Wirtschaftskrise an die Wand gefahren, die Kosten sollen nun erneut auf das untere Drittel der Gesellschaft abgewältzt werden – das Sparpaket der Bundesregierung sei die Fortsetzung der Kürzungen der letzten Jahrzehnten. Die bundesweiten Großdemonstrationen unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ werden als zu zaghaft beschrieben. Als Konsequenz schlägt die AG Georg Büchner die Blockade von zwei Banktowern in Frankfurt (M) vor. Hieran sollen sich gleichermaßen reformistische wie antikapitalistische Kräfte beteiligen.

„Wir sind überzeugt davon, dass es hier in Deutschland weder an Analysen noch an Forderungen fehlt, die entweder den Kapitalismus ›zügeln‹ oder aber überwinden wollen. Über die Richtigkeit der Analysen und Forderungen wird aber nicht auf dem Papier oder in Konferenzen entschieden, sondern in einem gesellschaftlichen Prozess, der möglichst viele Menschen zu Handelnden macht. Gelänge es uns, in einem großen Bündnis die Zeichen umzukehren, jenen endlich Angst zu machen, die seit Jahren mit unserer Angst spielen und von ihr leben, dann hätten wir noch genug Zeit, über die nächsten Schritte zu beraten und zu entscheiden.“

Und diese unterstellte Vereinbarkeit der Positionen ist der große Irrtum von Wetzel und Büchner. Dies leitet sich jedoch bereits aus ihrer Analyse ab, in der wirklich radikale Elemente größtenteils fehlen.

1. Das System vor lauter Akteuren… Zunächst einmal beschäftigen sich die Texte maßgeblich mit dem Handeln einzelner Akteure, die gesellschaftlichen Rahmenverhältnisse in denen diese sich bewegen (die kapitalistische Ökonomie und ihre Zwangsgesetze) werden nicht näher ausgeleuchtet. Es geht um die Regierung Kohl, um Rot-Grün oder knallhart personifiziert um einen dubiosen Personenkreis, der offensichtlich für das alles die Verantwortung trägt:

„Als 2007 die ersten Stimmen mahnend vor einem drohenden Finanzcrash warnten, lachte man sich tot und feierte weiter, mit traumhaften Renditen, Bonizahlungen und After-Work-Partys. Selbst für Gewerkschaftsfunktionäre war genug übrig: Man bespaßte sie, flog Prostituierte ein und machte mit Sonderzahlungen aus ›schwarzen Kassen‹ aus Interessenvertretern der Lohnabhängigen Partygäste auf einem Luxusliner.“

Kritisch hieran ist zunächst, dass eine mögliche Leseart des Textes ist, dass nur diese Personengruppe für die Wirtschaftskrise verantwortlich ist, weil sie moralisch falsch gehandelt hat. Von dieser Leseart bis zur Überlegung, dass nur diese Personengruppe beseitigt werden muss, um das gesellschaftliche Problem zu lösen, ist es kein großer Schritt. Diese Denkweise weist wiederrum bedrohliche Schnittmengen mit antisemitischen Ideologien auf.
Aber selbst wenn mensch nicht so weit geht und bei Schritt 1 stehen bleibt („nur diese Personengruppe ist für die Wirtschaftskrise verantwortlich, weil sie moralisch falsch gehandelt hat“) verbaut mensch sich die Perspektiven für eine radikale Kritik.
Denn es wird völlig ausgeblendet, dass „die Herrschenden“ (um bei dieser sehr ungenauen Terminologie zu bleiben) eben als Funktionär_innen innerhalb der kapitalistischen Ökonomie gehandelt haben (K.Marx: „Charaktermasken“). Es liegt nunmal in der Funktionsweise dieser Ökonomie, dass die einzelnen Akteure keinen Einfluss auf ihr Grundgesetz haben, folglich dazu verdammt sind, die Grundbewegung allen Kapitals nachzuvollziehen: Durch Ausbeutung von Lohnarbeiter_innen aus Kapital soviel mehr Kapital zu machen wie irgendwie möglich. Die Konkurrenz sorgt dafür, dass jene welche diesem Grundgesetz und den daraus abgleiteten Bedingungen nicht ausreichend folgen, zügig ausgesiebt werden. So werden die (trotzdem existenten) Handlungsspielräume der einzelnen Akteure gleichermaßen sehr gering gehalten.

Nun spricht sicher einiges dafür, diese dem Kapitalismus zu Grunde liegenden Gesetzmäßigkeiten aufzuheben, da sie soziales und sonstiges Elend en mas produzieren (verwiesen sei beispielsweise darauf, dass die von Wetzel beschriebenen Lohn- und Sozialkürzungen im Rahmen der kapitalistischen Verwertung absolut sinnvoll waren, da sich die Kosten des Ausbeutungsprozesse spürbar senkten).
Ein erster Schritt muss jedoch sein, diese Grundgesetze zu erkennen und zu benennen. Im bundesdeutschen Mainstram-Diskurs gibt es jedoch eine ganze Reihe von Mechanismen, die dies verhindern sollen. Einer davon ist es, die Verantwortung für das Wirtschaftssystems auf einzelne Akteure abzuschieben, die innerhalb des an sich richtigen Systems falsche Entscheidungen getroffen haben sollen. Wenn sich in den letzten Monaten immer wieder zeigt, dass eigentlichen niemand (nicht die Regierungen, nicht die Kapitalist_innen, auch nicht die Reformer_innen) wirklich weiß, wie der Laden eigentlich funktioniert, und welche Handlungen welche Konsequenzen haben, dann ist das eigentlich eine erfreuliche Feststellung auf dem Weg zur Erkenntnis: Die Grundgesetze der kapitalistischen Wirtschaftsweise sind das Hauptproblem, nicht einzelne Akteure.
Bei Wetzel liest es sich, als wäre diese Feststellung ein Bollwerk der Kapitalist_innen:

„Dann brachen die ersten Banken wie Kartenhäuser zusammen und die Business-Class zeigte so lange aufeinander, bis es niemand mehr war, der dafür Verantwortung war. Das Wort vom ›anonymen Systemfehler‹ wurde der Schlüssel zur Generalamnestie.“

Unterm Strich tragen Wetzel und Büchner die Verschleierungstaktik der Personifizierung (leider) voll mit.
Dies ist jedoch nicht die einzige falsche Grundlage ihrer Analyse.

2. Die Produktionssphäre vor lauter Banken… Die von der AG Büchner vorgeschlagene Aktion richtet sich ausschließlich bzw. überwiegend gegen die Banken oder allgemeiner, die Finanzsphäre. Dies entspricht zwar dem Hauptdiskurs über die Wirtschaftskrise, verschleiert aber zugleich ihre tatsächlichen, systemimmanenten Ursachen.
Wie jede andere kapitalistische Krise resultiert auch diese aus der Überproduktion des Kapitals, dass heißt aus seiner Tendenz so viel Waren wie möglich zu produzieren, um maximale Gewinne zu erwirtschaften. Hierdurch werden irgendwann mehr Waren produziert als verkauft werden können (wobei es durchaus sein kann, dass es Menschen gibt die die produzierten Güter brauchen, aber nicht kaufen können). Dies führt dann zur Krise, inklusive dem Kollaps einiger Kapitalisten, da sie ihr investiertes Kapital nicht wieder einnehmen können und sozialem Elend im großen Stil. Dieser Prozess ist dem kapitalistischen Wirtschaftssystem (mit seinem Zwang zur Kapitalvermehrung) immanent.
Auch die aktuelle Krise geht von der kapitalistischen Warenproduktion aus, wird jedoch auf einer anderen Ebene, nämlich der Finanzsphäre sichtbar. Jedoch wurde das selbe Problem einfach verschoben, d.h. es wurden z.B. mehr Immobilien produziert als verkauft werden können – nur mit dem Unterschied, dass sie erstmal auf Kreditbasis gekauft werden konnten, und erst zeitlich verzögert die Kredite nicht zurückgezahlt werden konnten.
Sowohl die Existenz der Finanzsphäre als auch ihre Praktiken in den letzten Jahren sind aus dem kapitalistischen Grundzwang zur Rendite ableitbar – und sollten daher zusammen mit dem Kapitalismus als Ganzes kritisiert werden.
Wie erwähnt ist es jedoch eine weitere Schutzfunktion des Diskurses über den Kapitalismus, dass ausschließlich von einem Versagen der Banken gesprochen wird, während die Problemursache aber in der Produktionssphäre und den Grundgesetzen des K. begründet liegt.
Die Herrausforderung für radikale Antikapitalist_innen sollte sein, die Gewichte des Diskurses dementsprechend zu verschieben. Die Texte von Büchner und Wetzel tun dies nichteinmal ansatzweise. Auch bei der vorgeschlagenen Blockade zweier Bankentower scheint eine dementsprechende Vermittlung nicht eingeplant zu sein – und wäre in der Praxis zumindest sehr schwierig.

3. Die Produktionsverhältnisse vor lauter Verteilungskämpfen Auch in einer dritten Beziehung sind Büchner und Wetzel nicht in der Lage, die Oberflächlichkeit des bürgerlichen Wirtschaftskrisendiskurses zu durchbrechen: Forderungen und Analysen bleiben bei der Verteilung des produzierten Reichtums stehen. Zwar hat es durchaus seine Berechtigung und emanzipatorischen Gehalt, ein materiell besseres Leben zu fordern. Aber: Wer angesichts einer (Welt)Gesellschaft die die Möglichkeiten hat, allen Menschen auf diesem Planeten ein materiell gutes Leben zu ermöglichen, in der aber die Mehrheit der Menschen verhungern oder in weniger gravierender Weise vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen werden, wer angesichts dieser Lage nur die Erhöhung des Hartz4 Ecksatzes auf 500 Euro fordert, und sei es auch noch so gut gemeint, gibt letztendlich ein trauriges Bild ab.

Ausschluss großer Bevölkerungsteile vom gesellschaftlichen Reichtum wird dem Kapitalismus immer immanent sein. Wer das Endziel hat, allen Menschen den vollen Genuß des weltweit vorhandenen materiellen Reichtums zu ermöglichen, muss die Abschaffung des Wirtschaftssystems fordern, dass nur produziert um Waren auf den Markt zu verkaufen und nicht um Bedürfnisse zu befriedigen.
Das oft vorgebrachte Argument, mensch müsse erstmal klein anfangen und nach und nach mehr fordern, heißt letztlich nichts anderes als die Aufhebung von Staat und Kapital an Andere zu deligieren.

Unterm Strich: Die AG Büchner und Wolf Wetzel haben richtig erkannt, dass sich andere Gesellschaftsmodelle nicht auf dem Papier oder in Konferenzen verwirklichen, sondern in der Praxis. Sie haben auch richtig erkannt, welches zusätzliche Elend die Abwälzung der Krisenlasten auf das untere Drittel der Bevölkerung mit sich bringen wird. Und wie unzureichend der Widerstand dagegen bis dato war.
Auch den Ansatz, nicht nur abstrakt den Kommunismus einzufordern, sondern sich auch an den konkreten Kämpfen zu beteiligen, finde ich richtig und zumindest erfolgsversprechender, als nur Lesekreise abzuhalten.
Wer hierbei aber wirklich emanzipazorisch agieren will, sollte die Ambivalenz sozialer Bewegungen berücksichtigen: Einerseits haben sie zwar das Potenzial, eine zu Gegenmacht Staat und Kapital zu werden, und wenn sie sich radikalisieren sollten, sich nicht mehr nur gegen deren einzelne Projekte zu richten, sondern ihre Abschaffung als Ganzes herbeizuführen.
Andererseits tragen sie da zur Verbesserung des kapitalistischen Normalvollzugs bei, wo sie den weitaus trägeren Instutionen Anregungen liefern, wie sie ihre Herrschaft noch reibungsloser realsieren können. Und laufen in Gefahr, das große Ganze aus der Schusslinie zu nehmen, indem sie sich nicht vom Konkreten lösen können, und so die Problemursachen aus den Augen verlieren.

Und in diesen Fehler Büchner und Wetzel letztendlich gemacht. Denn letztenendes lenken sie von den Krisenursachen ab: Sie reden zwar von Akteuren aber nicht von gesellschaftlichen Strukturen, sie suchen die Krisenursache bei den Banken und verlieren so die verantwortlichen Zwangsgesetze des Kapitals aus den Augen, schließlich bleiben sie bei bloßen Verteilungskämpfen stehen, und zeigen keinen Ansatz auf, dieses grundsätzlich falsche Prduktions- und Gesellschaftssystem zu überwinden. In allen 3 Punkten sitzen sie damit bürgerlichen Diskursen auf, der gute Arbeit bei der ideologischen Absicherung des Kapitalismus leisten. Schade.

Während ich diesen Text schrieb, hat eine Versammlung in Frankfurt (M) beschlossen, die von der AG Büchner vorgeschlagene Aktion am 18. Oktober durchzuführen. Wie ich finde, vergeudetes Potenzial, da ein völlig falscher Interventionspunkt gewählt wurde.


3 Antworten auf „Wetzel und Büchner: Gut gemeint, aber nicht gut gemacht“


  1. 1 Wolf Wetzel 09. Juli 2010 um 17:26 Uhr

    Aber auch ohne dieses Text verstehe ich die Kritik der „Personalisierung“ überhaupt nicht. Ich weiß nicht, was an einer Bank persönlich ist, zumal wir mehrmals geschrieben haben, dass die ideologische Unterscheidung zwischen Finanz- und Produktivkapital nicht nur reaktionär, sondern vor allem falsch ist – wenn man sich die Verflechtungen zwischen Banken und Industriesektor anschaut.
    Einige deiner Fragen werden sicherlich nicht im Aufruf beantwortet, aber in vielen Papieren und Analysen, die rund um den aufruf veröffentlicht sind (Griechenland-Text, Teuflisch Eng…)
    Ich glaube außerdem, dass du genug Systemkritik in vielen dieser Texte findest. Aber man greift nicht das ganze System an, außer man macht eine Revolution. In einer solch revolutionären Situation ist man glücklicherweise nicht nur analytisch, sondern vor allem gesellschaftlich stark genug, es mit dem ganzen System tatsächlich aufzunehmen. Wenn die Bullen uns angreifen, verteidigst Du dich gegen die Bullen, du kämpfst nicht gegen das ganze System. Wenn Du zurückschlagen willst, dich wappnen willst, dann personalisiert du nicht, sondern teilst dir die Kräfte ein. Das „Gesamtsystem“ bekommst Du in Worten zu packen, wenn du dir aber überlegen mußt, wo du ansetzt, wirst du auswählen, reduzieren, dich bescheiden müssen – und das „Große Ganze“ im Kopf behalten bzw. darauf deine Strategie abstimmen.
    Soviel fürs erste.

    herzliche Grüße

    Wolf

  1. 1 Staat.de » Blog Archive » Arbeitgeber und Gewerkschaften kritisieren Kompromissvorschlag der SPD-Spitze zur Rente mit 67 Pingback am 20. August 2010 um 1:39 Uhr
  2. 2 von personalisierungen und kritikverzicht « libertaeres buendnis der wetterau Pingback am 13. September 2010 um 10:05 Uhr
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