Training! in Unterwerfungskompetenz!

„… das da immer jemand ist, der es billiger macht,
den Unterbietungswettbewerb nicht höhnisch verlacht,
sondern das Oben achtet, und es sportlich nimmt
und den nötigen Schuß Fügsamkeit-nunmal-unten-zu-sein mitbringt“ (Goldene Zitronen)

Heute will ich mich über meine Generation beschweren. Anlass dafür ist dieser Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 28.09.. Es geht darum, wie junge Menschen die am Anfang einer akademischen Karriere stehen, mit den Folgen der aktuellen Krise des Kapitalismus umgehen.
„Ein Personalchef, der sparen muss, kündigt zuerst die jungen Mitarbeiter ohne Kinder – die Neuen halt. Eine Firma, die pleite geht, kann sie später nicht mehr einstellen. Und die Millionen, die der Staat an Schulden anhäuft, müssen sie wieder reinholen.“
„Dabei wissen die Betroffenen, dass sie es schwer haben werden, den Standard, den sie von Zuhause kennen, auch selbst aufrechtzuerhalten. Denn während in ihren Familien seit den 50er Jahren der Wohlstand wuchs, die Häuser größer wurden, die Autos breiter und der Besuch im Restaurant zur Gewohnheit, ist der Aufschwung nun gebremst. Für die jungen Leute dieser Generation gilt das alte Versprechen vom stetigen Wachstum nicht mehr. Sie ahnen, dass der ideale Lebensplan von einer sicheren Anstellung, einer eigenen Immobilie und zwei Kindern für sie nicht mehr aufgeht. Die Top Ten der Ängste dieser Generation wird von ökonomischen Sorgen angeführt: Fast drei Viertel fürchten sich laut aktueller Shell-Studie vor schlechter Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, 80 Prozent laut einer Umfrage von mindline media gar vor Altersarmut und davor, keinen Job zu finden oder ihn nicht halten zu können.“
[Soweit die FR. Ich möchte an dieser Stelle nochmal einschieben, dass regelmäßige Krisen in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem unvermeidlich sind. Anschaulich erklärt und leicht vereinfacht nachzulesen unter anderem bei Strassen aus Zucker.]

So, zurück zu den AbiturentInnen. Was machen die in so einer Situation?
Wir leben in einer Welt, in der es technisch längst möglich ist, dass alle Menschen den materialen Lebensstandard haben, den sie möchten. Dies passiert nicht, weil der Sinn der Produktion NICHT die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist – sondern die Anhäufung von Kapital durch Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und die Konkurrenz auf dem Markt (beides bedingt durch das Privateigentum an Produktionsmitteln).
Wenn sich zeigt, dass dieses Wirtschaftssystem der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse oft im Weg steht und regelmäßig zu Krisen führt, die Menschen zum Hauen und Stechen zwingt wer seine Arbeitskraft am besten verkauft (obwohl genug für Alle da ist!) und die die sich weniger aufopfern dazu zwingt, sich vom Arbeitsamt schikanieren zu lassen – was macht mensch dann? Ein Neues errichten? In dem die Menschen die Bäckerei übernehmen, anstatt um die Kuchenkrümel zu konkurrieren?
„Drei Reaktionen auf die Krise sind denkbar: resignieren, rebellieren oder ranklotzen. Die meisten Jugendlichen haben sich für Letzteres entschieden.“
„Die Lösung sei einfach: Am Ende müsse man der Beste sein, der mit den besten Sprachkenntnissen, dem besten Abi, der meisten Auslandserfahrung, dem besten Abschluss. Und dabei möglichst wenig verbissen wirken. Überragend ausgebildet, über die Maßen motiviert und flexibel bis zur Selbstaufgabe – das seien, kurz zusammengefasst, die Anforderungen, lästern einige. Aber ein Großteil nimmt sie an.“
„Auch die 24-jährige Luise Aedtner will sich von ihrem Wunsch, Fotografin zu werden, nicht abbringen lassen, nur weil gerade die Krise herrscht: „Man sollte sich von den vielen anderen Bewerbern um seinen Traumjob nicht einschüchtern lassen. Ich finde, aus Konkurrenz kann man sogar einen gewissen Ansporn ziehen.“
„Kathrin Kluckner plant ihre Zukunft ähnlich: „Ich bin bereit, mich richtig reinzuhängen, länger zu bleiben, weniger zu verdienen – und hoffe, dass sich das in ein paar Jahren auszahlt“, sagt die 25-Jährige.“
„Das denkt auch Dominika Solecka. „Ich beginne jetzt ein Studium der Germanistik, manche sagen, das sei brotlos, aber ich hab genug Selbstvertrauen, um zu entgegnen: Wenn man gut ist, wird man immer genommen“, sagt die 19-Jährige.
Damit ist sie nicht allein. Ein Großteil der jungen Deutschen teilt die Ansicht, dass man alles erreichen kann, wenn man nur wirklich will und sich anstrengt.“
„Augen zu und volle Power – das ist ihre Antwort auf die schlechte Wirtschaftslage. Für das bisschen, was zu holen ist, geben sie alles. Aber so lange sie mehr leisten, mehr hinnehmen und weniger verdienen, bleibt ein Wort auf ihren Partys tabu: Krise.“

Vor soviel Kritiklosigkeit und Angepasstheit kann ich nur den Hut ziehen. Es scheint, als ließen sich die von Menschen gemachten Verhältnisse in denen wir leben unmöglich ändern. Wo ist da der Wille ein gutes, selbstbestimmtes Leben zu leben? Woher kommt diese erschreckende Bereitschaft, das eigene Leben völlig den Ansprüchen des Kapitals zu unterwerfen?
Was sagt die FR über das Denken der Jugendlichen?
„Die Welt, wie sie heute sei, verändere nicht mehr ein Kanzler, sondern der Markt. Und der lasse sich nicht umstimmen – der reagiere bloß verstimmt, argumentieren sie. Überhaupt sei es heute schwieriger, eine eindeutige Haltung einzunehmen, weil die Welt komplexer geworden ist, sich nicht mehr in Schwarz oder Weiß einteilen lässt, in gläubig oder gottlos, in Kapitalismus oder Kommunismus, in links oder rechts.
Was diese Generation eint, ist nicht eine Ideologie, wie sie früher die Jungen gemein hatten, sondern die Ablehnung aller Ideologien. Sie wollen keine dogmatischen Entscheidungen treffen, sondern logische und pragmatische. Sie wollen sich die Möglichkeit offenhalten, nach Sachlage zu entscheiden, nicht nach Bibelvers oder Parteibuch.“

Kompletter Unsinn. Die Welt ist nicht komplexer geworden, sondern die Jugendlichen dümmer und unkritischer. Die Entscheidungen die in dem Artikel getroffen werden sind nicht logisch, dafür aber zutiefst ideologisch. Sie gehen alle davon aus, dass der Kapitalismus das einzige funktionierende Wirtschaftssystem sei – selbst wenn er die Leben der Menschen ruiniert, auch wenn historische Praxis und Ideengeschichte eindeutig eine andere Sprache sprechen (und ich meine damit nicht den Ostblock!). Unterwerfung und für viele in ein paar Jahren Scheitern, statt notwendiger Veränderung. Die die auf dem Markt verlieren werden, werden dann selber schuld sein.
Auch wenn die Binsenwahrheit mit dem schwarz-weiß Denken stimmt, eine Frage stellt sich eindeutig: Kapitalismus oder nicht.
Eine Frage, die es nicht geben darf. Eltern, Lehrer, Medien, Staat – sie alle machen ein deutlich: Es gibt keine Alternative. Das Ende der Geschichte ist erreicht. Die sozialen Verhältnisse umzuwälzen bringt nichts.
Bullshit. Kämpfen wir für eine solidarische Gesellschaft aus selbstbestimmten Individuen, in der alle haben können was sie wollen, die Produktionsmittel den Arbeitenden gehören, in der das Ziel der Produktion ökologisch-soziale verträgliche Bedürfnissbefriedigung ist.

„Und ich weiß, wir werden kämpfen
Und ich weiß, wir werden siegen
Und ich weiß, wir werden leben
Und ich weiß wir werden uns lieben
Und der Planet Erde
Wird uns allen gehören
Und jeder wird haben
was er braucht
Und es wird keine zehntausend Jahre mehr dauern
Denn die Zeit ist reif“ (Ton Steine Scherben)

Und die porträtierten Menschen können wir dann in ein paar Jahren nach ihrem ersten Burn-Out-Syndrom in der Psychiatrie besuchen. Vielleicht glauben dann wenigstens einige von ihnen an Alternativen zum Kapitalismus.
Nein, wahrscheinlich nicht.


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